P2P-Steuer fuer's Internet? (was: Re: [wos] Nice Berlin Declaration coverage)

Stefan Merten smerten at oekonux.de
Thu Jul 1 19:35:51 CEST 2004


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Hi Erik und Volker, alle!

@Volker: Sorry, wenn ich was gegen dein Baby gesagt habe. Ich hatte es
gar nicht vor, aber

  5 days ago Florian Cramer wrote:
  > Vermutlich ist meine Wortmeldung deplaziert, weil sie einem langen
  > Diskussionsprozeß hinterhinkt, zu spät kommt etc., doch: Will man das
  > wirklich?

hatte mich animiert, doch auch etwas dazu zu sagen. Wenn Kritik nicht
erwünscht ist, dann einfach sagen und ich halte die Klappe.

Bis dahin finde ich es inhaltlich dennoch fatal - vor allem von diesen
Leuten. Ich habe in der Tat nicht ausführlich begründet, weil ich mal
davon ausgehe, dass die allermeisten hier die Grundzüge der
Oekonux-These kennen. In einem Satz: Das Entwicklungsmodell Freier
Software stellt eine Keimform für ein neues Produktivkraftmodell dar,
das nicht nur über die tauschbasierte Vergesellschaftungsform hinaus
weist, sondern ganz praktisch auch seine Überlegenheit schon im alten
Rahmen beweist. Der Rest schien mir als Übung für die LeserInnen
erwartbar. Aber gerne hole ich noch ein wenig weiter dazu aus.

Ansonsten: Seit meiner Erfahrung mit den WSIS-Aktivitäten stellt sich
bei mir immer stärker das Gefühl ein, dass es bei der Frage
Informationsgesellschaft immer mehr um die Frage Reform oder
Revolution geht. Ja, mal wieder - diesmal allerdings mit echter
Substanz. Nun ist diese Frage endgültig wohl erst in der Praxis zu
entscheiden und ich sehe das durchaus nicht so antagonistisch wie ich
vielleicht rüber komme. Ich habe kein Problem damit, die Differenz
auszuhalten und sehe meine Anmerkungen in diesem Licht. Mir liegt an
einer produktiven Debatte und mir tut es leid, wenn ich da zu
emotional rüber gekommen bin.

Aber nun noch zu einigen Argumenten.

Yesterday Erik Moeller wrote:
> Falls die Flatrate erfolgreich ist, stellt sie den Beginn der
> Überführung des bestehenden Systems in ein neues dar, und das ist zu
> begrüßen.

Genau das sehe ich nicht. Sie ist exakt in der Logik des alten Systems
und stellt es keineswegs in Frage. Der Unterschied zu DRM ist m.E. nur
graduell, da lediglich das System quasi von privat- auf
steuerfinanziert umgestellt wird. DRM finde ich da offen gestanden
gerechter - auch weil es mich nicht treffen wird ;-) . Was übersehe
ich?

> Insofern verdient dieses Projekt unsere Anerkennung, auch wenn es
> zweifellos nicht die Idealversion einer modernen
> Informationsgesellschaft darstellt, wie wir sie uns vorstellen (und
> wahrscheinlich auch einige Unterzeichner). 

Ich anerkenne, dass da was passiert. Ich finde es fatal, dass es nicht
von der SPD oder sonstigen Proponenten oben skizzierter Lösungen
kommt, sondern nach meiner Wahrnehmung zu guten Teilen aus der
Bewegung, die sich eben genau auf die neue Logik bezieht - oder
vielleicht eher: beziehen sollte... Na, vielleicht irre ich mich auch
mit der Verortung der Proponenten...

> Wir sollten uns vielmehr
> selbst an die Nase fassen: Weil Leute wie ich und Du in den letzten
> Jahren noch keine funktionierenden alternativen Kompensationssysteme
> entwickelt haben und Dieter Bohlen noch immer den Musikgeschmack der
> Massen definiert, ist ein solcher gradueller Übergang überhaupt
> erforderlich. 

Nun liegt mir natürlich nicht daran, überhaupt ein Kompensationssystem
zu entwickeln. Nach meiner Überzeugung ist ein zentrales
Erfolgsgeheimnis Freier Software, dass es dieses Kompensationssystem
*eben nicht* gegeben hat. Jegliches Kompensationssystem kann aus
meiner Sicht also nur kontraproduktiv sein.

Mein Weg wäre eher - aber da sind wir uns wahrscheinlich im Ziel
grundsätzlich einig -, Kompensationssysteme ganz überflüssig zu
machen, weil eben auch die Güter ohne Kompensation zur Verfügung
stehen. Freie Software leistet das schon und schafft so einen Teil der
Notwendigkeit eines Kompensationssystems ganz praktisch ab.

> Wir haben eben noch nicht hinreichend unter Beweis gestellt, dass
> niemand diese Parasiten braucht.

Creative Commons hat m.E. gute Chancen da nochmal einen heftigen Kick
zu geben. Davon abgesehen finde ich z.B. auch die Entwicklung im
Wissenschaftsbereich sehr positiv - und auch wichtiger.

> Dabei ist es nicht so schwer -- iRATE +
> P2P + PayPal = Music Economy. Ja, PayPal - irgendwo muss das Brot auf
> dem Frühstückstisch herkommen, wenn die Uni vorbei ist und das richtige
> Leben beginnt.

Nun, in der heutigen Uni-Realität - soweit meine Kenntnisse mich da
nicht trügen, schließlich ist meine Uni-Zeit schon gut 12 Jahre vorbei
- - ist Geldverdienen auch während der Uni oft schon eine Notwendigkeit.
Aber das nur BTW.

M.E. kriecht dein Argument aber der Musikindustrie schon auf den Leim.
Es ist eben nicht so, dass die Musikindustrie für die MusikerInnen da
wäre. Die meisten MusikerInnen - und darunter nicht wenige sehr gute -
verdienen ihre Kohle mit allem möglichen - musikbezogen oder nicht.
Stunden geben ist z.B. eine häufige Einkommensquelle. Viele stecken im
Gegenteil sogar viel Geld in Ausbildung, Equipment, Instrumente...
M.a.W.: Diese Frage haben die meisten UrheberInnen für sich längst
geklärt. Die einzigen, die wirklich ein Problem haben, ist die
Musikindustrie.

Die Musikindustrie baut nämlich in einem völlig eigenständigen Bereich
PappkameradInnen auf, die mit Musik nur am Rande zu tun haben, dafür
aber um so mehr mit einer riesigen Marketing-Maschinerie. Das ist
deren Geschäftsmodell und davon lebte die Musikindustrie und die
wenigen UrheberInnen, die wirklich an ihr dran hängen, ganz gut.

> Die Killer-Applikation, die wie einst Napster
> zweistellige Millionenzahlen von Usern erreicht, gibt es ebensowenig wie
> den Ein-Klick-Linux-Installer, der unter Windoof läuft.

Ich finde es immer wieder frappierend, wie vergesslich die Leute doch
sind. Wenn ich daran denke, was vor sechs Jahren(!)
GNU/Linux-Installation hieß und wie einfach das heute ist - bei
deutlich gestiegener Komplexität der Materie -, dann würde ich meinen,
dass hier doch einiges geschehen ist. SuSE installiert sich mit nicht
viel mehr Klicks als einem neben ein Windows und Knoppix kommt ganz
ohne Klicks aus.

> In den letzten Jahren ist es uns noch nicht einmal gelungen, eine aktive
> Community zu schaffen, die an dem Problem arbeitet (geschweige denn "das
> Problem" exakt zu definieren). Statt dessen gibt es Dutzende von
> Mailing-Listen und Dachorganisationen, die parallel an den gleichen
> Fragen sitzen und deren Teilnehmer teilweise überhaupt nichts
> voneinander wissen. WOS und Oekonux haben sicherlich hier zum Networking
> beigetragen, aber von einer kohärenten Community kann noch keine Rede
> sein.

Richtig. Ich weiß aber gar nicht, ob wir diese *kohärente* Community
wirklich brauchen. Ist die These mit der Produktivkraftentwicklung
richtig, dann braucht es die Community nur da, wo sie gegen das Alte
einsteht. Software-Patente sind so ein Beispiel.

Die bürgerliche Gesellschaft ist auch nicht mit einer kohärenten
Community angetreten, sondern viele, voneinander unabhängige
ProtagonistInnen hatten einfach das stärkere Produktivkraftmodell.

> Natürlich haben wir unsere Erfolgsstories. Wikipedia. Open Source
> Software. Slashdot, Indymedia, Kuro5hin. Alle haben ihre Mängel, alle
> haben andererseits revolutionäre Ideen demonstriert. Insbesondere die
> Linux-Community, so gespalten sie auch ist, hat eine "real existierende"
> Alternative zum klassischen Entwicklungs- und Distributionsmodell
> geschaffen. Niemand würde noch eine Flatrate für Software-Entwickler
> fordern. 

Und ich glaube, dass mit einer Flatrate die Freie Software niemals
abgehoben wäre.

*Wenn* wir überhaupt über ein Finanzierungsmodell reden, dass für
solche Zwecke passt, dann am ehesten eine voraussetzunglose
Grundversorgung auf vernünftigem Niveau. Dann wäre der Killer
Entfremdung wirklich weg. Aber das ist natürlich nur theoretisch. In
der Praxis würde ich das aus vielen Gründen nicht vorschlagen.

> Was fehlt, ist also die integrative Vision und - noch wichtiger - ihre
> konkrete Umsetzung in Form von Killer-Applikationen für die Massen. 

Freie Software ist jetzt seit über 20 Jahren am Start und wird mehr
und mehr zur Killer-Applikation für die Massen. Unter der Haube schon
lange und die Desktops kommen auch langsam. Auch wenn es mit weiteren
Keimformen wegen des existierenden Beispiels schneller gehen sollte:
Vielleicht sind wir da ein bisschen ungeduldig...

> Reden wir hier über eine Entwicklung, die ohnehin unvermeidlich ist, so
> dass wir uns auch zurücklehnen und gar nichts tun können? Mag sein.

Ich bin *nicht* für Zurücklehnen. JedeR, die meine Aktivitäten ein
bisschen kennt, wird dies bestätigen können ;-) .

> Aber
> selbst das Unvermeidliche lässt sich über Jahrzehnte oder sogar
> Jahrhunderte hinauszögern.

Ja. Lasst uns - jeder auf ihre Weise - dafür sorgen, dass es
Jahrzehnte und nicht Jahrhunderte sind. Vielleicht klappt es ja sogar,
dass wir zu unseren Lebzeiten noch was davon haben ;-) .

> Erst wenn es uns gelingt, eine autarke *und* populäre Alternative zur
> Content-Industrie zu schaffen, können wir über die Flatrate-Idee lästern
> und sie als reaktionär verteufeln.

Ich sehe derzeit die Musikindustrie nicht als Hauptfeld der
Auseinandersetzung. Da sind die Bedingungen momentan noch ziemlich
schlecht. Allerdings ist die Sichtbarkeit natürlich hoch.

> Autark, das heißt unter anderem, dass
> auch das Marketing nicht abhängt von den Plattenbossen, sondern im Netz
> selbst geschieht.

Stichwort: Netlabels. Schießen seit ein, zwei Jahren wie die Pilze aus
dem Boden.

> Populär, das heißt, dass Deine Freundin oder Deine
> Mutter sich über das entsprechende System ihre Mucke zieht, legal,
> versteht sich.

D'accord. Und dann endlich auch wieder ohne die Krücke P2P sondern mit
simpler Web-Technik.

> Ohne eine solche Alternative wird man uns - zu einem gewissen Grad zu
> Recht - als Radikalinskis bezeichnen, die nur bestehende
> Wertschöpfungsketten zerstören wollen.

Nun, ob du als Radikalinski bezeichnet wirst, hängt nur sehr zum Teil
von dem ab, was du von dir gibst und wie begründet es ist. Davon
abgesehen habe ich in meiner durchaus längeren politischen
Vergangenheit noch kein so leuchtendes Beispiel für eine
funktionierende Alternative gesehen, wie Freie Software.

Dass wir Wertschöpfungsketten zerstören *wollen*, widerspricht dem
Hauptargument der Musikindustrie - dass sie nämlich schon zerstört
seien. Wenn wir hier Kitt für deren Geschäftsmodell wie die Flatrate /
P2P-Steuer bringen, dann helfen wir nur der Musikindustrie. Das kann
es aus meiner Sicht nun wirklich nicht sein.

> Und ohne eine solche Alternative
> ist die Flatrate in der Tat die einzige plausible Lösung. Wenn das
> Projekt Flatrate auf absehbare Zeit scheitert, was ich glaube, dann
> bleiben uns noch ein oder zwei Jahre, unter Beweis zu stellen, dass es
> nicht erforderlich ist.

Auch wenn ich diesen Argumentationstyp eher nicht mag: So wie M$ mit
seiner Lizenzpolitik uns hilft, wird DRM uns da ebenso helfen ;-) .

> Ich hoffe, dass es auf der WOS4 noch ein paar neue Erfolgsstories zu
> erzählen gibt.

Me too :-) . Und auf der ox4 schauen wir, was sie bedeuten ;-) .


@Erik: Wenn ich es nun schon mal hingeschrieben habe, würde ich es
auch gerne - ganz im Sinne Freier Software ;-) - allgemein verfügbar
machen - d.h. Posting nach [ox] und entsprechende Web-Archivierung.
Darf ich das tun mit deinen Zitaten drin? Oder vielleicht
anonymisiert?


						Mit Freien Grüßen

						Stefan

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