[rohrpost] tell.net // Andreas Broeckmann: Fuer eine neue Maschinen-Kunst

Stefan Heidenreich stefan.heidenreich at rz.hu-berlin.de
Mit Apr 5 18:54:01 CEST 2006


>>läuft mittlerweile seit gut 20 Jahren (Planung zkm 1984, khm Anfang 80er).
> 
> ars electronica 1979, IRCAM 1970, Gene Youngbloods 1970, Bauhaus

... man findet immer vorläufer. bis man bei platons höhle landet.
es ging mir nur um ein paar daten zur institutionalisierung eines labels 
in deutschland.

> 
> Ohne diese handfesten wirtschaftlich-politischen Interessen würde es den
> "Medienkunst"-Betrieb in seiner heutigen Form nicht geben, vielleicht
> nicht einmal das Wort "Medienkunst", das ja kunsttheoretisch unsinnig
> ist [weil jede Kunst Medien involviert]

wohl wahr. aber : war medienkunst dann eine subventionsruine oder ein 
"freiraum". oder beides: ein freiraum in der subventionsruine?

>>Für den großen Rest der Kunst bleibt 
>>es sich ziemlich gleich, welches Medium eingesetzt wird. 
> 
> An diesem Punkt möchte ich widersprechen. Wie Walter Benjamin ja bereits
> 1936 feststellte, 

oh, ja: hatte ich ganz vergessen.
nein - ganz im ernst: viele künstler legen sich nicht mehr auf ein 
medium fest, sondern gehen souverän mit vielen medien parallel um - die 
alle mehr oder weniger ausstellbar sind.
also bleibe ich dabei: auch für die ausstellbarkeit ist es zweitrangig, 
welches medium eingesetzt wird.

> jodi, Mongrel und I/O/D,
> Heath Bunting, 0100101110101101.org, Cornelia Sollfrank,
> socialfiction.org, ubermorgen.com, Yes Men, um nur einige zu nennen,
> deren Arbeit für mich zur interessantesten zeitgenössischen Kunst
> gehört.

da sehe ich ein ganz anderes problem: von den kulturell und sozial 
produktiven entwicklungen im netz kam und kommt fast nichts aus dem 
kunst-ghetto.
leider um so mehr aus den brutstätten der kalifornischen ideologie. 
kunst hat das soziale potenzial des netzes weitgehend ungenutzt 
gelassen, bzw. in kunst-typischen ego-projekten verschlissen.
kunst im netz ist (wie anderswo auch) keine kulturelle avantgarde. sie 
versucht, sich mit dem, was von den anwendungen und techniken am rand 
übrigbleibt, in subventionierten freiräumen zu profilieren. es gibt 
ausnahmen, aber nicht viele.
ich halte ein projekt wie flickr für interessanter als die ganze 
netzkunst der letzten 20 jahre.

>>Die beiden letzten Documentas haben gezeigt, wie die Fixierung auf ein
>>"Medium" durch inhaltliche und thematische Schwerpunkte abgelöst wird.
> 
> Sicherlich wäre das gut - wobei mich Deine Position allerdings erstaunt
> angesichts der Tatsache, daß Du zuvor auf dieser Liste für eine
> Medientheorie plädiert hast, die technischen Medien ein Diskurs-a priori
> zuschreibt.

natürlich ziehe ich einem möglichst eindeutigen und engen begriff 
technischer medien vor. um sehen zu können, wo sie wirkungen (gerne 
a-priori) hervorrufen und wo nicht. in der kunst: nicht. das hat auch 
gründe.

im übrigen:
ws nutzt mir ein medienbegriff, der alles mögliche einschließt - von der 
liebe bis zum schaltkreis - wenn er danach nicht mehr dazu taugt, eine 
klare aussage zu formulieren.

> wie der "Medienkunst"-Betrieb auf Techno-Kitsch à la Shaw reinfällt, tat
> es die letzte Documenta auf den Ethnokitsch von Shirin Neshat...
dem stimme ich vollkommen zu.

Stefan